3.6.– 17.7.2021
a&o Kunsthalle

Das ist
der Regen.
Der Regen
regnet.

Eine Ausstellung mit Arbeiten von Silke Berg, Christane Bergelt, Jasmin Schmidt und Lydia Wahrig und einer dazu erscheinenden Publikation mit Beiträgen von Benedikt Kuhn, Johannes Listewnik und Florian Lohse.
Silke Berg: Kleines, 2021, Acrylfarbe auf Baumwolle, Textil, Füllmaterial, Schnallen, 45 × 35 × 25 cm
Silke Berg: Über Wasser (2), 2021, Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Füllmaterial, D-ringe, Schnüre, 130 × 33 × 33 cm
Silke Berg: Warte, 2021, Acrylfarbe auf Baumwolle, Polyester, Füllmaterial, Polyestervlies, Reißverschluss, Schnüre, 136 × 70 × 110 cm
Jasmin Schmidt: old ideas upset, 2019, Öl und Garn auf Baumwolle, 195 × 165 cm
Lydia Wahrig: Palmtree Sunset II, 2019, Acryl und Öl auf Jute, 208 × 145 cm
Christiane Bergelt: hideout note, 2021, Mischtechnik auf Papier, 218 × 250 cm
Benedikt Kuhn

Mit den Maßstäben einer fremden Welt



Zu Wirkungen der Kontingenz und Konstruktionen des Zeitgenössischen in künstlerischer Arbeit

Der Titel der Ausstellung, zu deren Begleitung sich unsere Texte eher wie mitteilungsfreudiges Laufpublikum, denn als gerichteter Kommentar verhalten sollen, ist ein Zitat und lautet: „Das ist der Regen. Der Regen regnet“. Es stammt aus der kurzen Erzählung Boehlendorff von Johannes Bobrowski und erhält dort eine prominente Stellung und rhetorische Funktion.1 Der semifiktionale Bericht über Casimir Ulrich Boehlendorff collagiert schlaglichtartig Szenen aus den letzten Lebensjahren des Dichters und Historikers, in denen dieser, in halbpsychotischen Zuständen durch die kargen Dörfer Kurlands getrieben, letzte Versuche unternimmt, jene soziale Anerkennung zu finden, die ihm in Profession und Gesellschaft versagt blieb. Der scharfe Wind über der gleichgültigen Ostseeküste wirft ihn durch die Dörfer seiner Heimat und hier und dort emergiert er geisterhaft als ein Hauslehrer-Vagabund-Hybrid und destabilisiert die existierenden sozialen Ordnungen. In seinen Gedanken verbinden sich die Elegie an eine Welt, die er als uneingelöstes Versprechen betrachtet, mit dem anhaltenden Trauma seines persönlichen Scheiterns. Immer wieder bricht darin „die See über den Sand, oder Abends, über die Dünenhaufen, kommt und fällt in das Tal, [wo] alles ertrinkt“2 – unter anderem ein foreshadowing von Boehlendorffs Suizid, der, von seinen Mitmenschen ebenfalls mehr oder weniger leidenschaftslos quittiert, die Erzählung beschließt. Diese, mit einer befreienden Schicksalsmacht assoziierten, sintflutartigen Dammbruchfantasien stehen in ihrer brachialen Gewalt gegen den Satz des regnenden Regens, dessen leitthematische Wiederkehr eine diffizilere, in gewissem Sinn schlimmere Art der Gewalt artikuliert. Denn auch die tautologische Formulierung beschreibt ein Fatum. Hier jedoch ist es nicht ein Geschick, das, wie die Flut, in die Selbstnarrativierung des fantasierenden Protagonisten eingegliedert werden könnte und ihm, in all ihrer Dunkelheit, noch als Halt dienen mag. „Das ist der Regen. Der Regen regnet“, zeigt auf nichts als ein, jeder Erzählung (ob nun mit glücklichem Ausgang, oder, wie hier, nicht) vorgängiges So-Sein der Welt – eine rohe Faktizität, die allen Narrativen vorausgeht und in der menschlichen, aus Sinn- und Bedeutungsverbindungen gewobenen, Lebenswelt nur hier und da als das aufscheint, was Paul de Man, Kant lesend, „Materialität“ genannt hat.3 Die zirkuläre Logik des Satzes, der ein Subjekt mit sich selbst prädiziert, produziert einen klaustrophobischen Bedeutungsstop, der, in der Ausstellung der Unzulänglichkeit seiner Mittel, in Richtung von etwas deutet, was sprachlich nie ganz ausgedrückt werden kann. Der Regen regnet; ob jemand das über ihn feststellt oder nicht, ob Boehlendorffs Leben gelingt oder scheitert, betrifft dieses Regnen nicht.

1 Johannes Bobrowski: Boehlendorff. In: Ders.: Erzählungen. Dresden, 1978
2 Ebd. S. 8
3 Vgl. Paul de Man: Phänomenalität und Materialität bei Kant. In: Ders.: Die Ideologie des Ästhetischen. Frankfurt a.M., 1993

Christiane Bergelt: hideout note, 2021, Mischtechnik auf Papier, 218 × 250 cm
Christiane Bergelt: flat note, 2021, Mischtechnik auf Papier, 250 × 218 cm
Christiane Bergelt: hideout note, 2021, Mischtechnik auf Papier, 218 × 250 cm
Silke Berg: Rücksichtslos, 2020 Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Füllmaterial, Reißverschluss, Schnallen 84 × 140 × 55 cm
Christiane Bergelt: flat note, 2021, Mischtechnik auf Papier, 250 × 218 cm
Silke Berg: Kokon, 2021, Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Schnallen, Reißverschluss, Haken, D-Ringe, Maße Variabel
Florian Lohse

„No rain but thunder and the sound of giants”1



Für die Vorfahren des modernen Menschen war fernes Donnergrollen ein Anlass für besorgte Blicke zum Horizont. Sorge um die Gunst oder Missgunst höherer Mächte veranlasste sie zur Suche nach meteorologischer Orientierung und ließ Hilfsmittel wie den 100-jährigen Kalender und eine Unzahl von Bauernregeln entstehen. Diese frühen Formen kollektiver Wissensproduktion prägten die agrarische Weltanschauung. Die Industrialisierung versprach später die Unabhängigkeit von höheren Mächten – und doch ist das nervöse Suchen nach möglichen Anzeichen drohenden Unheils heute noch immer verbreitet. Für die Sorgen und Ängste des globalisierten Lebensentwurfes sind Wetter-Apps keine ausreichende Hilfe, denn das „Gelingen“ des Lebens im 21. Jahrhundert wird von komplexeren Einflüssen bestimmt. Daher ist das beständige Scannen nach Weak Signals, frühen Anzeichen für bevorstehende Umbrüche, zum Teil individueller Existenzsicherung im digitalisierten Alltag geworden. Die Prüfung des morgendlichen Himmels wurde ersetzt durch den noch im Bett erfolgenden Abgleich trendender Hashtags mit dem persönlichen Portfolio aktiengebundener Altersvorsorge. Der Anblick des virtuellen Horizontes in den sozialen Medien kann beunruhigen. Tagtäglich türmen sich Weak Signals zu dunklen Wolken unguter Vorzeichen auf und werden bizarr beleuchtet durch einzeln hervorblitzende Befunde bedrohlicher Anschaulichkeit. Abseitige Meldungen wie "Glücksritter auf der Suche nach Mammut-Elfenbein könnten sich mit prähistorischem Anthrax im Schlamm des auftauenden Permafrostes infizieren"2 betreffen die meisten Menschen nicht unmittelbar, formen aber ein verunsicherndes Gesamtbild, eine sich im kollektiven Bewusstsein verfestigende Ahnung. Seit dem Pflügen der ersten Felder galt das Streben nach Glück durch Expansion und Ausbeutung als zukunftsweisendes Erfolgsmodell. Doch aktuelle Entwicklungen (Anthropozän) bezeugen, dass diese Auffassung von individualistischer Souveränität höchstwahrscheinlich ein historisch begrenztes Phänomen ist. Mit wachsender Geschwindigkeit wird der moderne Mensch in der Wahrnehmung des Kollektivs zu etwas, das sein konnte, aber nicht für immer sein muss. Die "Krone der Schöpfung" wird kontingent.

1 Mike Mignola, Hellboy 9: The Wild Hunt
2 Vgl.: https://www.vox.com/2017/9/6/16062174/permafrost-melting

Christiane Bergelt: hideout note, 2021, Mischtechnik auf Papier, 218 × 250 cm
Silke Berg: Warte, 2021, Acrylfarbe auf Baumwolle, Polyester, Füllmaterial, Polyestervlies, Reißverschluss, Schnüre, 136 × 70 × 110 cm
Jasmin Schmidt: old ideas upset, 2019, Öl und Garn auf Baumwolle, 195 × 165 cm
Lydia Wahrig: Palmtree Sunset II, 2019, Acryl und Öl auf Jute, 208 × 145 cm
Christiane Bergelt: flat note, 2021, Mischtechnik auf Papier, 250 × 218 cm
Silke Berg: Rücksichtslos, 2020 Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Füllmaterial, Reißverschluss, Schnallen 84 × 140 × 55 cm
Silke Berg: Kokon, 2021, Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Schnallen, Reißverschluss, Haken, D-Ringe, Maße Variabel
Silke Berg: Freund (12), 2019, Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Füllmaterial, 88 × 130 × 20 cm
Silke Berg: Zuerst, 2021 Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Füllmaterial, Polyestervlies, Schnüre, Metallgestell, 120 × 60 × 75 cm
Silke Berg: Freund (12), 2019, Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Füllmaterial, 88 × 130 × 20 cm
Silke Berg: Zuerst, 2021 Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Füllmaterial, Polyestervlies, Schnüre, Metallgestell, 120 × 60 × 75 cm
Lydia Wahrig: Tag am See, 2020, Acryl und Linoldruck auf genähter Leinwand, 140 × 265 cm
Johannes Listewnik

Wir hatten alle mal Ideen



Anna läuft durch den Regen (Sommerregen-Spaziergang), ihren Marken-Outdoor-Boots macht das nichts aus, ihrem frisch imprägnierten Windbreaker auch nicht, modisch umgearbeitete Funktionskleidung macht unempfindlicher.1 Gut so, denn der Regen, dieser von oben direkt nach unten fallende, matschmachende Regen, dieser dicktropfige Regen regnet eben so vor sich hin und Anna merkt nicht, ob sie im Park im neu aufgespülten Schlamm läuft, ihre Stiefel glucksend sich in den Boden reinpressen, Erde mitnehmen, Spuren hinterlassen, oder ob sie, später nahezu ohne Abdruck, über Bordsteine, Betonsteine, Stolpersteine oder den in seiner Zusammensetzung streng genormten Asphalt läuft.2 So kann Anna trotz des Regens abwechselnd nachdenken oder einen Podcast über den Fall of Civilisations hören.3 Unempfindlichkeit hin oder her, Anna riecht den Regen natürlich: Das nachbürgerliche Subjekt besitzt eine extreme Sensibilität für die sozialen Rollenerwartungen seiner peers, denen es mit hoher Anpassungsfähigkeit folgt.4

Gleichzeitig: Hinter dem Regen die Leere.5 An diesem Sonntagabend liegt Max auf der Yogamatte im Wohnzimmer seiner Altbau- WG. Max ist allein, es ist Juni, Juli, August – ganz bestimmt ist es Sonntag, es hört sich jedenfalls so an: Die Fenster sind offen. Das Licht malt eine Stimmung in den Raum, die dazu führt, dass seine Beobachtungen zu einer Erinnerung werden, Max denkt und sagt leise zu sich selbst: „So liege ich am Boden und denke nach.“6 Max hat in den letzten Jahren schon oft auf diesem Boden gelegen, aus den unterschiedlichsten Gründen (Trauer, Sex, Müdigkeit, Gesellschafts- und Kinderspiele), erst seit kurzem macht er nun auch Sport auf den milieutypischen Holzdielen.7 Max bemerkt, dass er wohl nie zuvor länger am gleichen Ort gewohnt hat. Er denkt über Veränderungen und Möglichkeiten nach, Entscheidungen und Verläufe, kurz stellt sich eine Zufriedenheit ein, die andere vom Abschluss einer gelungenen Arbeit her kennen könnten.8

1 Vgl.: https://www.zalando.de/sports-damen-regenjacke/?sustainable=true und https://www.avocadostore.de/damen/schnuerschuhe?page=2
2 Zum Motiv Anna im Regen vgl.: https://www.youtube.com/watch?v=qtVa- BwoZsU
3 Siehe: https://fallofcivilizationspodcast.com/
4 Andreas Reckwitz – die Gesellschaft der Singularitäten, Suhrkamp 2018, S. 44 und vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gesellschaft_der_Singularit% C3%A4ten
5 Vgl.: Johannes Bobrowski: Boehlendorf. In: Johannes Bobrowski – Erzählungen, Reclam 1978, S. 8
6 Die Anspielung zu Joachim Lottmanns „Mai, Juni, Juli“ ist mitgedacht, führt aber nirgends hin. Diese, die vorherigen, wie auch die folgenden Fußnoten haben nicht immer den üblichen Zweck eines notwendigen Verweises, sie dienen oftmals als rein visuell-ästhetisches Element, ein Ornament sozusagen, Malerei im Schriftbild, außerdem verdeutlichen sie, wie dieser Text entstanden ist: ein Großteil des zu Sagenden wurde auf dem Weg von Bett zu Schreibtisch aufgrund von alltäglicher Ablenkung (Regen?) schon wieder vergessen (dieser Weg ist eigentlich bescheiden kurz), Vgl.: Joachim Lottmann: Mai, Juni, Juli. Kiepenheuer & Witsch 2003, S. 11
7 „Das Fenster zeigt eine dunkelgrüne, abendliche Baumgruppe. Noch Licht in den Wipfeln, Abschied des Tages. Auf einem Teewagen (zwei Generationen älter als der Beobachter) sind auf einem Halter aus Glas vier Kerzen befestigt, deren Farbe, je nach Licht, das vom Fenster kommt, zwischen Blau und Hellviolett changiert. Wenn der Wartende bald stirbt, wird das immer noch eine Weile so dastehen, weil es nie einen Grund gab, es so vor dem Fenster aufzustellen, also es kaum einen Grund gibt, es von dieser Position zu entfernen.“ Alexander Kluge, Gerhard Richter: Nachricht von ruhigen Momenten, Suhrkamp 2013, S. 118
8 „Was war geredet worden heute. Was hatte dieses Gehör alles aufnehmen müssen. Und wohin damit. Erschöpft lag Raspe in der Dunkelheit. Was musste ein Gehirn weg denken, um Ruhe zu finden für die Nacht. Unaufhörliches Gerede, Nachgeplappere.“ Rainald Goetz: Irre, Suhrkamp 1986, S.154

Lydia Wahrig: Tag am See, 2020, Acryl und Linoldruck auf genähter Leinwand, 140 × 265 cm
Silke Berg: Über Wasser (2), 2021, Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Füllmaterial, D-ringe, Schnüre, 130 × 33 × 33 cm
Silke Berg: Kleines, 2021, Acrylfarbe auf Baumwolle, Textil, Füllmaterial, Schnallen, 45 × 35 × 25 cm
Silke Berg: Warte, 2021, Acrylfarbe auf Baumwolle, Polyester, Füllmaterial, Polyestervlies, Reißverschluss, Schnüre, 136 × 70 × 110 cm
Silke Berg: es scheint so, 2021, Acrylfarbe auf Baumwolle, unterschiedliche Textilien, Schnur, Polyestervlies, Füllmaterial, Metallhocker, 90 × 45 × 45 cm
Johannes Listewnik [Hrsg.]: Das ist der Regen, der Regen regnet., mit Texten von Benedikt Kuhn, Florian Lohse und Johannes Listewnik, Abbildungen von Silke Berg, Christiane Bergelt, Jasmin Schmidt und Lydia Wahrig, 2021, 96 Seiten, 20 Abbildungen, Auflage von 100 + 10 Sonderexemplare, 19 × 12,5 cm, ISBN 978-3-948927-06-6, 11,- Euro
Christiane Bergelt: torno, 2020, Mischtechnik auf Papier, 52,5 × 48,5 cm
Christiane Bergelt: torno, 2020, Mischtechnik auf Papier, 52,5 × 48,5 cm
Lydia Wahrig: Zweige, 2020, Acryl und Marker auf Leinwand, 40 × 30 cm
Christiane Bergelt: laur, 2021, Mischtechnik auf Papier, 33,7 × 27 cm
Jasmin Schmidt: Gefieder, 2021, Kasein und Pigment auf Papier, 37 × 32 cm
Lydia Wahrig: Driving Around, 2020, Öl und Marker auf Leinwand, 40 × 80 cm
Jasmin Schmidt: Reagenz, 2019, Kasein und Pigment auf Papier, 37 × 32 cm
Christiane Bergelt: torni, 2020, Mischtechnik Papier, 50,5 × 48,5 cm
Jasmin Schmidt: Reservoir, 2021, Kasein und Pigment auf Papier, 37 × 32 cm
Jasmin Schmidt: Zitadelle, 2020, Kreidefarbe, Öl und Garn auf Loden, 250 × 210 cm
3.6.– 17.7.2021
a&o Kunsthalle

Das ist
der Regen.
Der Regen
regnet.

Weitere Informationen